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Das Trauma der Generation 60 plus

Jeder Krieg hinterlässt Kriegskinder – also eine Generation, die im Krieg aufgewachsen ist und ihn mit all seinen Gräueln und Folgen miterlebt hat. Eine solche Generation brachten die beiden Weltkriege hervor, aber auch etliche andere Kriege, zum Beispiel in Vietnam, der Golfregion, Afghanistan, im ehemaligen Jugoslawien.

 

Deutsche Wissenschaftler erforschen seit fast zwei Jahrzehnten, was aus den deutschen Kriegskindern geworden ist, welche Spätfolgen ihre Kriegserlebnisse hatten und wie sie – falls erforderlich – behandelt werden können. So auch Prof. Dr. med. Gereon Heuft, der als Direktor die Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Münster leitet. Am Donnerstagabend folgte er der Einladung des Chefarztes der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Marien Hospital Hombruch, Dr. med. Harald Krauß, und der des Seniorenbüros Dortmund. Vor mehr als 50 Besuchern referierte Heuft zum Thema „Kindheit im Zweiten Weltkrieg: mögliche Folgen im Alternsprozess und therapeutische Möglichkeiten“. Interessant war die Mischung des Publikums: Auf der einen Seite waren viele Frauen und Männer gekommen, die den Zweiten Weltkrieg als Kinder erlebt haben. Auf der anderen Seite waren viele Besucher gekommen, die berufsmäßig mit Alten zu tun haben. „Das Thema Krieg ist bei uns im Seniorenheim immer präsent“, erzählte eine Frau.

 

Heuft berichtete von Patienten, die durch den Krieg als Kinder eine Traumatisierung erlitten haben, aber anschließend ein völlig problemloses Leben geführt haben. „Bei vielen geschieht die Trauma-Reaktivierung jenseits des 60. Lebensjahres“, sagte Heuft. Dafür gebe es drei Gründe: „Im Alter hat man mehr Zeit, über die Vergangenheit nachzudenken“, führte der Mediziner aus. „Zweitens: Durch das sogenannte Last-Chance-Syndrom haben die Menschen das Bedürfnis, zumindest einmal im Leben über den Krieg und dessen Gräuel zu sprechen. Und drittens: Wer sich mit dem eigenen Alternsprozess auseinandersetzt, erleidet häufig eine Trauma-Reaktivierung. Da ist der Tod präsent.“

 

Problematisch sei es, dass die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg oft erst mit Eintreten einer Demenz hoch kämen, sagte Heuft. Er berichtete von einer Frau, die geistig gesund in ein Seniorenheim umzog. Im Laufe der Jahre sei sie an einer Demenz erkrankt. Bis dahin sei sie bestens mit Mitbewohnern und Pflegepersonal klargekommen, sei stets umgänglich gewesen. „Doch von heute auf morgen schlug die Frau wild um sich, während sie morgens gewaschen wurde. Von Tag zu Tag wurde sie dabei aggressiver“. Während Pflegepersonal und Heimleitung zusehends ratlos waren, fanden Heufts Kollegen heraus: Die Frau leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung. „Ihre Kinder erzählten uns, dass sie als Mädchen im Zweiten Weltkrieg vergewaltigt wurde. Die unfreiwillige Berührung durch andere während der morgendlichen Pflege müssen diese Erinnerungen hervorgerufen haben“, erzählte Heuft. Durch Entspannungstechniken und beruhigende Worte hätten die Pfleger es geschafft, die dementiell veränderte Frau problemlos zu pflegen.

 

Während die posttraumatische Belastungsstörung in Deutschland vor allem die Geburtsjahrgänge zwischen 1930 und 1945 betrifft, wächst derzeit eine neue Generation Kriegskinder heran, die in Deutschland aufwachsen und leben werden: Flüchtlingskinder. „Die Problematik ist aktueller denn je.“ Heuft zufolge sei es wichtig, schon jetzt richtig mit Flüchtlingskindern aus Kriegs- und Krisengebieten umzugehen. „Das Erlebte dürfen sie und dürfen wir nicht totschweigen.“

Prof. Dr. Harald Krauß (rechts) begrüßte Prof. Dr. Gereon Heuft. Foto: Hameister

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