Startseite > Meldungen (Details)

Meldungen - Übersicht

Getrud Piels Geschichte zum Tag der älteren Generation

Gisela Piel lebt heute im St. Josefinenstift in Dortmund.
Gisela Piel lebt heute im St. Josefinenstift in Dortmund.

Die Hochzeit mit ihrem Mann Walter hat sie schlichtweg versäumt: „Das war so ein wunderbarer, sonniger Tag, da sind wir Boot fahren gegangen. Und plötzlich fiel uns ein, wir hatten doch um 13 Uhr einen Hochzeitstermin ausgemacht!“ Gisela Piel ist heute 88 Jahre alt und wohnt seit Mai 2013 im St. Josefinenstift. Damals, 1960 geht es hastig an Land, nach Hause zur Mutter, und die Braut legt sich ins Bett und täuscht dem gutmütigen Pfarrer eine Erkrankung vor. Der wünscht gute Besserung und traut Gisela und Walter zwei Wochen später.

 

Bis zum Tode ihres Mannes im Jahr 2004 führen beide eine von Liebe und Harmonie geprägte Ehe. Dass beide sich überhaupt kennen gelernt haben, verdankt Gisela Piel einer Eigenmächtigkeit ihrer Sekretärin: „Die meinte, so geht das nicht, immer nur arbeiten und am Wochenende allein.“ Sie gibt für ihre Chefin, die viel beschäftigte Politologin, eine Annonce auf. „Venus mit Herz und Köpfchen, akademisch vorbelastet, sucht Seelendoktor“. Die Anzeige fällt in die Hände zweier Kollegen des zukünftigen Bräutigams, die ihrerseits auf der Suche nach einer passenden Gattin für den gefragten Psychologen sind. Dr. Walter Piel meldet sich: „Liebe Venus, hiermit bewerbe ich mich auf die ausgeschriebene Vakanz. Ich bin ein Seelendoktor, ein echter.“ Und er legt ein Kinderbild von sich dazu. „Kenner pflegen zu sagen, dass ich mich kaum verändert haben soll.“

 

Unzählige Briefe schreibt sich das Paar sein Leben lang, Notizen, Gedichte oder Telegramme. Viele davon hat Gisela Piel behalten und bewahrt sie schön geordnet in ihrem Zimmer im St. Josefinenstift auf. „Mein Mann sagte immer, du brauchst gar keine Perlen, besser ist schwarze Tinte“, lacht sie. In all den Ehejahren beschenken sich beide immer wieder mit Geschriebenem, verfassen sogar zusammen ein Buch über seine Lebensgeschichte: „Von Masuren ins Ruhrgebiet“.

 

Während des Krieges unterrichtet die junge Gisela in ihrem Heimatort Märkisch-Buchholz in Brandenburg etwa eine Autostunde südlich von Berlin an der Volksschule. Die „richtigen“ Lehrer sind alle an der Front. Nach dem Krieg geht sie mit ihrer Mutter nach Berlin, um zu studieren. Doch so leicht ist es nicht in der russisch besetzten Zone – unter dem Vorwand des Spionageverdachtes wird die junge Frau von der Straße weg festgenommen und ins Gefängnis nach Potsdam verschleppt, wo sich damals das höchste sowjetische Kriegsgericht befand. Monatelang wird sie ohne Anklage festgehalten. Zur Weihnachtszeit sieht sie vom Zellenfenster aus, wie in Potsdam die Kerzen angezündet werden. Gisela Piel erkrankt schließlich an Halsdrüsen-Tuberkulose. Wie so oft erkennt sie auch hier Positives an der Situation: „Die Russen hatten furchtbar Angst, sich mit irgendetwas anzustecken“, berichtet sie. Mit Hilfe der russischen Dolmetscherinnen, allesamt studierte Frauen aus Moskau, die für das Kriegsgericht arbeiteten, wird sie in das Krankenhaus in Spandau verlegt. Wirklich helfen kann man ihr auch hier nicht – Penicillin fehlt, die russischen Ärzte zeigen sich überfordert. „Da war auch ein junges Mädchen, vielleicht 15, deren TBC hatte schon eine Entzündung an ihrer Brust verursacht, ein richtiges Loch“, erinnert sie sich. Und sie erinnert sich ebenso an die schroffe Antwort der Ärztin auf die bange Frage, ob das wieder heilen könne: „Den Zwirn, um solche Löcher zu stopfen, den haben wir nicht.“ Da ihr im Krankenhaus niemand helfen kann, wird sie nach Hause entlassen, wo die Mutter das Mädchen mit allerlei Stärkungsmitteln wie Vollmilch oder Cognac mit Eigelb wieder aufpäppeln kann – keine Selbstverständlichkeit im Land des Hungers und der Lebensmittelkarten. „Das kriegen wir wieder hin“, sagt die Mutter. Sie behält Recht und bleibt ihr Leben lang bei ihrer Tochter.

 

Nach Studienende geht Gisela Piel nach Hamburg, arbeitet erfolgreich und heiratet dort. Tochter Claudia macht die Familie komplett. Ende der 1960-er Jahre folgt sie ihrem Mann nach Dortmund: Er hat eine Professur angeboten bekommen, die Uni erwarb sich im Nachkriegsdeutschland einen ausgezeichneten Ruf. Die Familie zieht ins Eigenheim nach Dortmund-Brackel. Noch heute vermisst Gisela Piel ihren fürsorglichen und fröhlichen Mann.

 

Zwölf Doktoranden haben beide gemeinsam betreut – auch von ihnen hätte Gisela Piel alle Schriften noch immer bei sich. Doch bei einem Feuer in ihrem Wohnhaus werden die Unterlagen vernichtet, ebenso viel anderer Besitz, auch Gisela Piels Schmuck. Den Ehering und einen weiteren Ring hat sie noch und trägt beide täglich. Was an Geschriebenem gerettet werden konnte, hat sie mit Hilfe ihrer Tochter geordnet – die Tinte hat überdauert, manche Perle ging im Feuer unter.

 

Seit Mai 2013 lebt sie nun im St. Josefinenstift. Über ihre Krebserkrankung spricht sie kaum – die ist behandelt und Geschichte. Es bleibt Platz für schöne Themen – ihre Familie, ihre Enkelin, und sie genießt Angebote wie gemeinsame Feiern, Vorführungen und Ausflüge, schwärmt vom Feuerwerk, das die Mitarbeiter des Hauses zum Jahreswechsel mit passender Musikuntermalung im Garten veranstaltet haben.

Zurück