Startseite > Meldungen (Details)

Meldungen - Übersicht

Im Christinenstift ist jeder Tag Geschichtentag

Beate Winterberg präsentiert das üppige Angebot an Büchern in der hauseigenen Bücherei im Christinenstift in Dortmund.
Beate Winterberg präsentiert das üppige Angebot an Büchern in der hauseigenen Bücherei im Christinenstift in Dortmund.

Fast alle der 153 Bewohner des Christinenstifts haben mindestens einen Weltkrieg erlebt.  Diese Erlebnisse und Erfahrungen prägen etliche Biografien. „Viele beginnen von sich aus davon zu erzählen“, sagt Beate Winterberg, die den sozialtherapeutischen Dienst der Einrichtung leitet. Aber: „Wir selber fangen nicht damit an.“ Zwar lesen Winterberg und ihre Kollegen den Bewohnern jeden Tag Geschichten vor, bewusst aber keine aus den Kriegen. Denn: Die Vorleserunden sollen Wohlbefinden und ein Klima des Erinnerns und zugleich der Entspannung schaffen.

 

Die Welt feiert am 20. März Geschichtentag – im Christinenstift der Kath. St.-Johannes-Gesellschaft wird dieser an jedem Tag des Jahres begangen. „Lesen gehört zu unserem festen Betreuungsangebot neben singen, tanzen oder basteln“, sagt Winterberg. „Geschichten wecken Erinnerungen, die an Demenz Erkrankte schon lange vergessen haben“, begründet Winterberg, warum insbesondere das Vorlese-Angebot so wichtig für die Bewohner ist. In den Kurzgeschichten zum Beispiel, die eigens für Demente geschrieben wurden, geht es um Rituale. „Kirchliche Feste wie Weihnachten oder familiäre Ereignisse wie Geburtstagsfeiern sind in diesen Geschichten ebenso Thema wie wohlvertraute Handlungsabläufe, zum Beispiel der Frühjahrsputz oder das Besohlen von Schuhen“, so Winterberg. Demente können sich dadurch an Fragmente ihrer Vergangenheit erinnern. Werden den Bewohnern Märchen vorgelesen, ergeben sich laut Winterberg sogar zwei Erinnerungsebenen: Einerseits haben deren Eltern den jetzigen Dementen schon diese Märchen vorgelesen, andererseits lasen die Dementen seinerzeit auch ihren Kindern diese Märchen vor. „Vor allem Märchen wecken positive Gefühle in unseren Bewohnern. Oft scheinen sie tief und fest zu schlafen, doch wenn wir dann ein Märchen oder eben eine Geschichte vorlesen, sind sie hellwach und extrem interessiert“, erzählt Winterberg.

 

Nicht nur geistig, sondern auch körperlich aktiviert werden die Bewohner bei Bewegungsgeschichten. Diese beinhalten Handlungsaufforderungen, denen die Zuhörer nachkommen müssen. „In einer Frühlingsgeschichte müssen sich die Bewohner zu den Blumen in der Geschichte bücken oder versuchen, die Äste über ihren Köpfen zu berühren“, so Winterberg, „so werden vor allem Menschen mit Demenz richtig wach.“

 

Nicht nur Geschichten, Märchen und Gedichte stehen auf dem Vorleseprogramm im Christinenstift. Einmal pro Woche werden die Bewohner auf den aktuellen Stand gebracht was das Welt- und das lokale Geschehen betrifft. Denn: Winterberg, ihre Kollegen und die Ehrenamtlichen lesen dann ausgewählte Zeitungsartikel aus. Die sind auf die Bewohner zugeschnitten. „Wir orientieren uns an ihren Interessen, Hobbys und an den Orten, wo sie gelebt haben“, sagt Winterberg. In diesem Zuge werden auch Zeitungsannoncen vorgelesen wie zum Beispiel die Werbung eines hiesigen Lebensmittelladens. „So etwas weckt natürlich auch Erinnerungen“, sagt Winterberg.

 

Alle drei Monate besucht außerdem eine Ehrenamtliche das Christinenstift, um ihre selbst geschriebenen Geschichten vorzutragen. Diese Geschichten sind kurz, einfach strukturiert und so geschrieben, dass sie auch an Demenz Erkrankte gut verstehen und nachvollziehen können. In erster Linie verfasst diese Ehrenamtliche Kindergeschichten. Diese aber werden im Christinenstift nicht vorgelesen, sagt Winterberg: „Dass sich alte Menschen wieder zu Kindern entwickeln, stimmt natürlich nicht. Auch wenn das viele sagen. Denn unseren Hochbetagten verfügen über den Erfahrungsschatz eines gesamten Lebens.“ Kindergeschichten seien zu verniedlicht, zu naiv und daher nicht für die Bewohner geeignet.

 

Für jeden Bewohner steht die hauseigene Bücherei offen – und zwar Tag und Nacht. Etliche Bücher türmen sich dort und warten darauf, aufgeschlagen zu werden. Zum Beispiel die Biografien von Johannes Heesters und Marlene Dietrich, Bildbände zu Ostpreußen und Kalifornien, Herzschmerz-Romane und Thriller. Bewohner, die nicht mehr gut sehen können, haben die Auswahl zwischen etlichen Hörbüchern. Winterberg: „Sie sehen: Bei uns ist jeden Tag Weltgeschichtentag.“

Zurück